Über die Gefährlichkeit von Hypnose und unerlaubtem Heilen

aus dem Tagebuch eines Fast-Hypnose-Opfers



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Die Gefährlichkeit der Hypnose
und warum es besser ist, Heilung und Hypnose durch Laien zu verbieten.
Gewidmet einem sehr heppigen Amtsarzt im schönen Harz

Hier Peter Scharf's Tagebucheintrag vom 6. Februar 2004

Liebes Tagebuch,

heute war ich beim Friseur, bei einer Friseuse genauer gesagt.

Warum erzähle ich Dir das – hab ich keinen Friseur ... ?

Jetzt sitz ich hier zuhause und muss immer wieder besorgt an diese Viertelstunde unter Kamm und Schere nachdenken. 

Es begann eigentlich ganz harmlos mit einem freundlichen „Guten Tag“ als ich den Salon betrat und ich ahnte nichts Schlimmes, als sich die Friseuse, nachdem ich meinem Wunsch nach einer Haarlänge von 5 Millimetern Ausdruck verlieh, mit freundlicher Miene nach meiner Gesundheit erkundigte. Ein wenig Kopfweh hätte ich, gab ich bereitwillig Auskunft, und es wäre mir doch angenehm, wenn die Haarschneidemaschine heute nicht allzu laut über meinen Schädel pflügen würde. Wo ich denn die Kopfschmerzen hätte, setzte sie ihre Befragung fort und ich tippte mit leicht gekrümmten Mittel- und Zeigefinger vorsichtig an meinen Hinterkopf. „Ah ja. Sie scheinen überhaupt sehr verspannt zu sein“, flüsterte die Friseusenstimme neben mir in Anspielung auf meinen sichtbar verspannten Nacken. „Na, entspannen Sie erst mal einen Moment, ich hol Ihnen eben ein Glas Wasser. Oft trinken die Menschen einfach nur zu wenig. Dann brauchen sie Wasser.“ 

Dankbar führte ich das Glas mit dem lauwarmen Leitungswasser an die Lippen und leerte es in kleinen Schlucken. „Treiben Sie eigentlich Sport ?“ säuselte sie unbeirrt weiter, während ich mich fragte, wie viel Spülmaschinengänge die Lippenstiftreste an dem Glas wohl schon überstanden hatten. Das verneinende Kopfschütteln zum Thema Sport schmerzte mir im Nacken. „Sie sollten sich viel an frischer Luft bewegen, das ist gut gegen Kopfschmerzen. Und viel trinken. Wasser, hauptsächlich Wasser. Rauchen sollten Sie auch nicht so viel, Ihre Fingerspitzen sind schon ganz braun...“ ...reflexartig ballte ich meine Hände zu Fäusten... „Ihre Kopfschuppen sind ja auch nicht übel, da kann ich Ihnen mal etwas Heilsames einmassieren...“ „Nein nein, ich war deswegen schon beim ...“ versuchte ich vorsichtig einzuwenden. „Ach was ! Vergessen Sie die Hautärzte, die probieren eh nur rum und haben keine Ahnung. Das können Sie einer erfahrenen Friseuse mal glauben.“ Im Spiegel betrachtete ich die Frau in ihrem weißen Kittel bei ihrer Arbeit und in dem Maße wie meine Haare kürzer und kürzer wurden verschwanden meine Kopfschmerzen. 

Beim Bezahlen meinte sie, stolz über diesen Heilungserfolg: „Na, sehen Sie, Sie müssen trinken, dann verschwindet auch das Kopfweh.“ Ich ließ ihr noch ein Trinkgeld liegen und verließ den Salon. 

Draußen wurde mir klar, ich befand mich gerade in akuter Lebensgefahr. Diese Frau ist doch keine Ärztin und macht SOWAS, das hätte verdammt übel ausgehen können ! Na, ist wohl eben noch mal gut gegangen... 

Wieder auf der Straße und mit nunmehr runderneuertem Kopf betrachtete ich nachdenklich mein betagtes, ziemlich lädiertes Schuhwerk und entschloss mich, in das benachbarte Schuhgeschäft zu gehen, wo gerade Preissenkungen von bis zu 70% angepriesen wurden. Ich fand hier schnell ein schickes Paar chinesischer Schnürschuhe für nur 19,- Euro, setzte mich damit auf den abgewetzten Anprobeschemel und befreite meine Füße von den alten Tretern. Ein freundlicher Schuhverkäufer war sofort zur Stelle, um mir bei der Anprobe der Neuen behilflich zu sein. Kaum steckte ich in einem dieser Schuhe, bemerkte ich ein schmerzhaftes Drücken am Fuß ... zu eng – dachte ich für mich und zog das braune Leder enttäuscht wieder aus. Und da passierte es. Fast unmerklich berührte der eben noch freundliche Schuhverkäufer kurz meinen Fuß und erklärte mir dann mit besorgtem Gesichtsausdruck, ich hätte da wohl einen kräftigen Hallux valgus und überhaupt sähe ihm das Ganze sehr nach einem klassischen Senk-Spreiz-Fuß aus und er empfehle mir deshalb... 

„Jetzt geht’s ums Überleben!“ dachte ich in diesem Moment nur noch, ergriff blitzartig mit der linken Hand meine alten Schuhe und rannte, so schnell mich meine lediglich bestrumpften Füße trugen, aus dem Geschäft. Nach 200 Metern in rekordverdächtiger Zeit kam ich völlig außer Atem in einer Pfütze zum Stehen. In der Ferne sah ich den Verkäufer noch in seiner Tür stehen, wie er mir mit einem anderen Paar Schuhe hinterher winkte. Komisch, aus dieser Entfernung hatte ich den Eindruck, er hätte ein Stethoskop um den Hals hängen. 

Was war nur los heute ? Wieso wollen mir solche Leute Diagnosen stellen und mich womöglich heilen, das ist Sache der Ärzte, verdammt noch mal. 

Weitere Einkäufe und womöglich weitere unqualifizierte Diagnosen und Heilungen sagte ich für heute ab. Meine Lebensmittel kann ich ja auch übers Internet bestellen. 

Erschöpft kam ich zuhause an und wollte „nur noch entspannen...“. Mir fiel ein, dass da noch eine schon etwas verstaubte Videokassette mit einer „Wetten dass...“-Aufzeichnung im Regal lag, also rein damit in den Videorecorder. 

Jetzt noch gemütlich eine Zigarette anzünden, dachte ich mit etwas schlechtem Gewissen wegen meiner nikotinvergilbten Fingerspitzen, und während die ersten Rauchwolken Entspannung vermittelnd mein Wohnzimmer vernebelten, begann ich darüber zu sinnieren, ob die Herren Reemtsma und Morris wohl Ärzte seien. Wie sonst könnten Sie mir auf ihren Zigarettenpäckchen erklären, dass der Genuss der darin enthaltenen Tabakstäbchen zu einer verminderten Spermaproduktion führe und noch dazu mein Leben verkürze... 

Und dann geschah es plötzlich. Plötzlich und heimtückisch:

Meine Beine wurden schwer, meine Arme wurden schwer, meine Stirn glättete sich zusehends und mein Atem wurde ungewohnt gleichmäßig. Zunehmende Willenlosigkeit bemächtigte sich meiner. Wie gelähmt starrte ich auf den Bildschirm, wo ein dressierter holländischer Schäferhund noch 15 Sekunden Zeit hatte, eine Wette zu gewinnen, die darin bestand, mit einem dampfgetriebenen Schaufelbagger eine Chappy-Dose zu öffnen ... noch 14 Sekunden ...13...12 ... Thomas Gottschalk zählte mit monotoner Stimme in sein Mikrofon hinein. Und er zählte rückwärts ! 

Mit einem letzten Rest eigener Willenskraft und unter Mobilisierung allerletzter Kräfte erreichte meine rechte Hand die Fernbedienung ...9...8... jetzt nur noch die Taste drücken ... die Hand zentnerschwer ...7...6...5... Geschafft !!! Ja, liebes Tagebuch, das war knapp. 

Nach etwa zehn Minuten hatte ich meine Kräfte wieder beisammen, die Gliedmaßen hatten wieder Normalgewicht und mein mir so gewohnt eigener Wille war in mich zurückgekehrt. In letzter Sekunde war ich einem Hypnose-Angriff entkommen. Ich weiß jetzt, dass es falsch war, in einer ersten Wutreaktion die Videokassette zu zertreten und die Reste in den Müll zu werfen. Es wäre wohl besser gewesen, wenn ich sie gleich morgen früh an die zuständige Gesundheitsbehörde geschickt hätte. Ich sehe schon die Schlagzeile in der Bild-Zeitung „Auftrittsverbot für Gottschalk – Aus für Wetten dass“ Na ja, zu spät. 

Aber was mich wirklich noch interessiert hätte, ob wohl nach dieser Fernseh-Show irgendein Wahl-Werbespot ausgestrahlt wurde...

Es war ein wirklich gefahrvoller Tag heute. Und jetzt, wo mir klar wird, wie knapp ich noch mal davon gekommen bin, empfinde ich einfach nur große Dankbarkeit, dass doch der eine oder andere verantwortungsbewusste Amtsarzt in unserem Lande solchen Friseusen und Schuhverkäufern rigoros und ein für allemal ihr gefährliches Treiben untersagt. Ja, und Fernsehen sollte auch gleich verboten werden. 

Meine Internet-Bestellung habe ich nun nicht mehr aufgegeben. Es soll dort Seiten geben, auf denen rückwärts laufende Ziffern abgebildet werden. Mir reicht es für heute. 

Gute Nacht, liebes Tagebuch, und bis morgen.

 

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