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Liebes Tagebuch,
heute war ich beim Friseur, bei einer Friseuse genauer gesagt.
Warum erzähle ich Dir das – hab ich keinen Friseur ... ?
Jetzt sitz ich hier zuhause und muss immer wieder besorgt an diese
Viertelstunde unter Kamm und Schere nachdenken.
Es begann eigentlich ganz harmlos mit einem freundlichen „Guten Tag“
als ich den Salon betrat und ich ahnte nichts Schlimmes, als sich die
Friseuse, nachdem ich meinem Wunsch nach einer Haarlänge von 5
Millimetern Ausdruck verlieh, mit freundlicher Miene nach meiner
Gesundheit erkundigte. Ein wenig Kopfweh hätte ich, gab ich
bereitwillig Auskunft, und es wäre mir doch angenehm, wenn die
Haarschneidemaschine heute nicht allzu laut über meinen Schädel pflügen
würde. Wo ich denn die Kopfschmerzen hätte, setzte sie ihre Befragung
fort und ich tippte mit leicht gekrümmten Mittel- und Zeigefinger
vorsichtig an meinen Hinterkopf. „Ah ja. Sie scheinen überhaupt sehr
verspannt zu sein“, flüsterte die Friseusenstimme neben mir in
Anspielung auf meinen sichtbar verspannten Nacken. „Na, entspannen Sie
erst mal einen Moment, ich hol Ihnen eben ein Glas Wasser. Oft trinken
die Menschen einfach nur zu wenig. Dann brauchen sie Wasser.“
Dankbar führte ich das Glas mit dem lauwarmen Leitungswasser an die
Lippen und leerte es in kleinen Schlucken. „Treiben Sie eigentlich
Sport ?“ säuselte sie unbeirrt weiter, während ich mich fragte, wie
viel Spülmaschinengänge die Lippenstiftreste an dem Glas wohl schon überstanden
hatten. Das verneinende Kopfschütteln zum Thema Sport schmerzte mir im
Nacken. „Sie sollten sich viel an frischer Luft bewegen, das ist gut
gegen Kopfschmerzen. Und viel trinken. Wasser, hauptsächlich Wasser.
Rauchen sollten Sie auch nicht so viel, Ihre Fingerspitzen sind schon
ganz braun...“ ...reflexartig ballte ich meine Hände zu Fäusten...
„Ihre Kopfschuppen sind ja auch nicht übel, da kann ich Ihnen mal
etwas Heilsames einmassieren...“ „Nein nein, ich war deswegen schon
beim ...“ versuchte ich vorsichtig einzuwenden. „Ach was ! Vergessen
Sie die Hautärzte, die probieren eh nur rum und haben keine Ahnung. Das
können Sie einer erfahrenen Friseuse mal glauben.“ Im Spiegel
betrachtete ich die Frau in ihrem weißen Kittel bei ihrer Arbeit und in
dem Maße wie meine Haare kürzer und kürzer wurden verschwanden meine
Kopfschmerzen.
Beim Bezahlen meinte sie, stolz über diesen Heilungserfolg: „Na,
sehen Sie, Sie müssen trinken, dann verschwindet auch das Kopfweh.“
Ich ließ ihr noch ein Trinkgeld liegen und verließ den Salon.
Draußen wurde mir klar, ich befand mich gerade in akuter Lebensgefahr.
Diese Frau ist doch keine Ärztin und macht SOWAS, das hätte verdammt
übel ausgehen können ! Na, ist wohl eben noch mal gut gegangen...
Wieder auf der Straße und mit nunmehr runderneuertem Kopf betrachtete
ich nachdenklich mein betagtes, ziemlich lädiertes Schuhwerk und
entschloss mich, in das benachbarte Schuhgeschäft zu gehen, wo gerade
Preissenkungen von bis zu 70% angepriesen wurden. Ich fand hier schnell
ein schickes Paar chinesischer Schnürschuhe für nur 19,- Euro, setzte
mich damit auf den abgewetzten Anprobeschemel und befreite meine Füße
von den alten Tretern. Ein freundlicher Schuhverkäufer war sofort zur
Stelle, um mir bei der Anprobe der Neuen behilflich zu sein. Kaum
steckte ich in einem dieser Schuhe, bemerkte ich ein schmerzhaftes Drücken
am Fuß ... zu eng – dachte ich für mich und zog das braune Leder
enttäuscht wieder aus. Und da passierte es. Fast unmerklich berührte
der eben noch freundliche Schuhverkäufer kurz meinen Fuß und erklärte
mir dann mit besorgtem Gesichtsausdruck, ich hätte da wohl einen kräftigen
Hallux valgus und überhaupt sähe ihm das Ganze sehr nach einem
klassischen Senk-Spreiz-Fuß aus und er empfehle mir deshalb...
„Jetzt geht’s ums Überleben!“ dachte ich in diesem Moment nur
noch, ergriff blitzartig mit der linken Hand meine alten Schuhe und
rannte, so schnell mich meine lediglich bestrumpften Füße trugen, aus
dem Geschäft. Nach 200 Metern in rekordverdächtiger Zeit kam ich völlig
außer Atem in einer Pfütze zum Stehen. In der Ferne sah ich den Verkäufer
noch in seiner Tür stehen, wie er mir mit einem anderen Paar Schuhe
hinterher winkte. Komisch, aus dieser Entfernung hatte ich den Eindruck,
er hätte ein Stethoskop um den Hals hängen.
Was war nur los heute ? Wieso wollen mir solche Leute Diagnosen stellen
und mich womöglich heilen, das ist Sache der Ärzte, verdammt noch mal.
Weitere Einkäufe und womöglich weitere unqualifizierte Diagnosen und
Heilungen sagte ich für heute ab. Meine Lebensmittel kann ich ja auch
übers Internet bestellen.
Erschöpft kam ich zuhause an und wollte „nur noch entspannen...“.
Mir fiel ein, dass da noch eine schon etwas verstaubte Videokassette mit
einer „Wetten dass...“-Aufzeichnung im Regal lag, also rein damit in
den Videorecorder.
Jetzt noch gemütlich eine Zigarette anzünden, dachte ich mit etwas
schlechtem Gewissen wegen meiner nikotinvergilbten Fingerspitzen, und während
die ersten Rauchwolken Entspannung vermittelnd mein Wohnzimmer
vernebelten, begann ich darüber zu sinnieren, ob die Herren Reemtsma
und Morris wohl Ärzte seien. Wie sonst könnten Sie mir auf ihren
Zigarettenpäckchen erklären, dass der Genuss der darin enthaltenen
Tabakstäbchen zu einer verminderten Spermaproduktion führe und noch
dazu mein Leben verkürze...
Und dann geschah es plötzlich. Plötzlich und heimtückisch:
Meine Beine wurden schwer, meine Arme wurden schwer, meine Stirn glättete
sich zusehends und mein Atem wurde ungewohnt gleichmäßig. Zunehmende
Willenlosigkeit bemächtigte sich meiner. Wie gelähmt starrte ich auf
den Bildschirm, wo ein dressierter holländischer Schäferhund noch 15
Sekunden Zeit hatte, eine Wette zu gewinnen, die darin bestand, mit
einem dampfgetriebenen Schaufelbagger eine Chappy-Dose zu öffnen ...
noch 14 Sekunden ...13...12 ... Thomas Gottschalk zählte mit monotoner
Stimme in sein Mikrofon hinein. Und er zählte rückwärts !
Mit einem letzten Rest eigener Willenskraft und unter Mobilisierung
allerletzter Kräfte erreichte meine rechte Hand die Fernbedienung
...9...8... jetzt nur noch die Taste drücken ... die Hand zentnerschwer
...7...6...5... Geschafft !!! Ja, liebes Tagebuch, das war knapp.
Nach etwa zehn Minuten hatte ich meine Kräfte wieder beisammen, die
Gliedmaßen hatten wieder Normalgewicht und mein mir so gewohnt eigener
Wille war in mich zurückgekehrt. In letzter Sekunde war ich einem
Hypnose-Angriff entkommen. Ich weiß jetzt, dass es falsch war, in einer
ersten Wutreaktion die Videokassette zu zertreten und die Reste in den Müll
zu werfen. Es wäre wohl besser gewesen, wenn ich sie gleich morgen früh
an die zuständige Gesundheitsbehörde geschickt hätte. Ich sehe schon
die Schlagzeile in der Bild-Zeitung „Auftrittsverbot für Gottschalk
– Aus für Wetten dass“ Na ja, zu spät.
Aber was mich wirklich noch interessiert hätte, ob wohl nach dieser
Fernseh-Show irgendein Wahl-Werbespot ausgestrahlt wurde...
Es war ein wirklich gefahrvoller Tag heute. Und jetzt, wo mir klar wird,
wie knapp ich noch mal davon gekommen bin, empfinde ich einfach nur große
Dankbarkeit, dass doch der eine oder andere verantwortungsbewusste
Amtsarzt in unserem Lande solchen Friseusen und Schuhverkäufern rigoros
und ein für allemal ihr gefährliches Treiben untersagt. Ja, und
Fernsehen sollte auch gleich verboten werden.
Meine Internet-Bestellung habe ich nun nicht mehr aufgegeben. Es soll
dort Seiten geben, auf denen rückwärts laufende Ziffern abgebildet
werden. Mir reicht es für heute.
Gute Nacht, liebes Tagebuch, und bis morgen.
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